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Ja Nein Vielleicht – Unverbindlichkeit als Traumafolge

Was steckt hinter dem Jein?

Es gibt sehr viele Menschen, die auf jede Frage mit einem Jein antworten. Es ist kein klares Ja, es ist aber auch kein klares Nein. Und du weißt irgendwie nie wirklich, wo du jetzt dran bist und wie es jetzt hier weitergehen könnte. Vielleicht erkennst du dich auch selbst darin wieder und kannst dir nicht vorstellen, wie du dich in fünf Tagen fühlst und willst deswegen auch eben keine Entscheidung treffen. Häufig sind das Menschen, die sich nach Verbindung sehnen, aber sobald sie möglich wird, alle Türen offen halten. Heute schauen wir uns einmal an, was hinter dieser Unverbindlichkeit steckt und wann es eine Traumafolge sein kann und wann es einfach nur gesunde Flexibilität bedeutet.

Das Jein-Phänomen zeigt sich in allen Lebensbereichen, von kleinen Alltagsentscheidungen bis hin zu großen Lebensfragen. Im Dating beispielsweise klingt das ungefähr so: Ich mag dich total, aber ich bin gerade nicht bereit für eine Beziehung. Gleichzeitig schreibt die Person aber täglich, dass sie dich sehen will, verhält sich, als ob ihr in einer Beziehung seid, nur ohne dieses Label Beziehung. In längeren Beziehungen wird es oft bei größeren Entscheidungen sichtbar. Die Frage nach Zusammenziehen wird monatelang aufgeschoben. Urlaubspläne können nicht gemacht werden, weil man ja nicht weiß, was noch kommt. Das Muster ist dabei immer dasselbe: Ja, ich will, aber ich kann mich nicht festlegen. Ja, ich mag dich sehr, aber bitte keine Verbindlichkeit. Wichtig zu verstehen ist hier, dass es nicht um einzelne Situationen geht, in denen jemand unsicher agiert. Es geht vielmehr um das durchgängige Muster, bei dem Verbindlichkeit als Bedrohung oder etwas, was es zu vermeiden gilt, empfunden wird.

Gesunde Flexibilität oder Traumafolge?

Es gibt einen Unterschied, wann Unverbindlichkeit eine Traumafolge ist und wann es eine gesunde Flexibilität ist. Menschen mit gesunder Flexibilität können sich bei wichtigen Dingen festlegen. Sie buchen also einen Urlaub drei Monate im Voraus, sagen Terminen zu und halten das ein. Das Nervensystem bleibt dabei entspannt. Sie können klar zwischen wichtigen und unwichtigen Entscheidungen unterscheiden. Bei einem Arzttermin oder bei einem wichtigen Meeting sind sie verbindlich. Sie können Prioritäten setzen und wissen, wann Offenheit und Flexibilität Sinn macht und wann Verbindlichkeit einfach nötig ist. In Beziehungen können sie verbindlich sein und auch nach einiger Zeit klären, wo die Beziehung möglicherweise hingeht.

Bei traumabedingter Unverbindlichkeit zeigt sich ein anderes Bild, denn das Nervensystem reagiert auf Verbindlichkeit mit Alarm. Schon bei dem Gedanken, ein Treffen am Wochenende zu planen, aktiviert sich dieses Schutzsystem. Unser Körper sendet uns Signale: ein enges Gefühl in der Brust, eine flache Atmung, Anspannung im ganzen Körper und vielleicht sogar der Impuls, einfach nur wegzulaufen. Das Herausfordernde bei traumabedingter Unverbindlichkeit ist, dass die Unterscheidung zwischen großen und kleinen Festlegungen verschwimmt. Alles fühlt sich ähnlich bedrohlich an. Ein Treffen am Wochenende kann sich anfühlen wie eine lebenslange Verpflichtung. Es ist also eigentlich egal, worum es geht. Es ist grundsätzlich die Festlegung, und die löst einen bestimmten Alarm im Körper aus. Ein Vielleicht wird also die Antwort. Menschen mit einer traumabedingten Unverbindlichkeit können vielleicht ein bis maximal zwei Tage im Voraus planen, und darüber hinaus wird es echt schwierig.

Kurz gefasst: Gesunde Flexibilität ist eine bewusste Wahl in bestimmten Kontexten. Traumabedingte Unverbindlichkeit ist ein automatisches Muster, das sich durch viele Lebensbereiche zieht und Unwohlsein verursacht.

Woher kommt die Angst vor Festlegung?

Wie so häufig entstehen Traumafolgen in der Kindheit. Wenn Kinder zum Beispiel erleben, dass jedes Ja gegen sie verwendet wird, lernen sie: Wenn ich Ja sage, habe ich keine Kontrolle mehr darüber, was von mir verlangt wird und wann das aufhört. Oder Kinder, die gelernt haben, dass ihre eigenen Bedürfnisse komplett zurückschrauben müssen, sobald sie sich auf etwas einlassen, lernen, dass Verbindlichkeit bedeutet, keine eigenen Grenzen mehr setzen zu können. Oder Kinder, die gelernt haben, dass Versprechen nie eingehalten worden sind. Wenn Bezugspersonen sich selbst nie festlegen konnten oder es wollten, ihr Wort nicht gehalten haben und das Kind ständig in so einem Schwebezustand gelassen haben. Oder wenn Kinder dafür bestraft worden sind, wenn sie Nein sagen. Die einzige Möglichkeit, sich da zu schützen, ist es, erst gar keine klaren Aussagen zu machen.

In Beziehungen entstehen dadurch typische Muster: On-Off-Dynamiken oder monatelange Situationships, bei denen der Status der Beziehung völlig unklar bleibt. Menschen verhalten sich so, als wären sie in einer Beziehung, lassen sich aber sämtliche Türen offen. Dabei entsteht oft auch ein innerer Konflikt, denn diese Menschen sehnen sich ja nach Verbindung, nach Stabilität, nach Verlässlichkeit, aber ihr Nervensystem sendet ständig Warnsignale aus, sobald es in diese Richtung geht.

Was du jetzt damit machen kannst

Wenn du selbst zu Unverbindlichkeit neigst und dich hier vielleicht wiedererkennst, dann ist es mir wichtig, dass du verstehst, dass dein Nervensystem dich versucht zu schützen. Das bedeutet nicht, dass du beziehungsunfähig bist oder sonstiges. Es bedeutet einfach nur, dass du alte Muster mit dir trägst, die heute nicht mehr hilfreich sind. Und wenn du immer wieder an unverbindliche Menschen gerätst, dann lohnt es sich, dir die Frage einmal zu stellen, was zieht dich zu diesen Menschen hin? Vielleicht fühlst du dich zu Menschen hingezogen, die dich auf Abstand halten, weil auch die echte und verbindliche und verfügbare Nähe auch herausfordernd sein kann.

Hier gibt es keine Fünf-Schritte-Strategie, wie du diese Dynamik jetzt loslassen kannst. Aber es gibt einen ersten wichtigen Punkt, und zwar ist es das Erkennen, dass das überhaupt so ist. Denn wie du weißt, kann sich erst etwas verändern, wenn du bemerkst, dass es überhaupt existiert. Diese Muster sind veränderbar und es braucht eben die Bewusstheit darüber, Zeit und die Bereitschaft, sich den zugrunde liegenden Traumafolgen anzunähern und sie anzuschauen. Und das braucht, wie so häufig, eine professionelle Unterstützung, besonders wenn es um Muster geht, die tief im Nervensystem verankert sind.

Wenn du dir vorstellst, dich heute auf eine Sache festzulegen, einen Partner, einen Plan, eine Entscheidung, welches Gefühl kommt da als erstes hoch? Diese erste Körperreaktion, falls du sie wahrnehmen kannst, zeigt dir, wie sicher oder unsicher Verbindlichkeit für dich ist. Und falls du nichts spürst, dann ist es auch eine Information.

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