Warum viele Frauen besser mit Männern können als mit Frauen
Ich möchte heute über dieses Phänomen sprechen, warum viele Frauen besser mit Männern können als mit Frauen und was das möglicherweise mit einer Mutterwunde zu tun haben kann. Ich spreche da übrigens aus eigener Erfahrung, denn auch ich kenne dieses Gefühl, dass ich besser mit Männern kann als mit Frauen. Ich habe nämlich selber ganz viele Jahre gedacht, dass ich einfach besser mit Männern kann als mit Frauen. Frauen waren für mich zu anstrengend, zu kompliziert. Da gab es immer so viel Drama und ich hatte einfach keinen Bock, mich damit zu beschäftigen. Also habe ich mir viele männliche Freunde gesucht und konnte so ein easygoing, oberflächliches, naja auch tiefgründiges, aber irgendwie einfacheres Miteinander mir dadurch ermöglichen. Ich glaube, der Ursprung davon war, dass ich irgendwann mal negative Erfahrungen mit Frauen gemacht habe. Wenn ich heute zurückblicke, dann verstehe ich, dass das schon bei meiner eigenen Mutter angefangen hat.
Was eine Mutterwunde ist und wie sie entsteht
Die Mutterwunde beschreibt emotionale und psychologische Verletzungen, die durch die Beziehung zur Mutter entstanden sind. Das muss nicht bedeuten, dass deine Mutter eine schlimme Mutter war oder dass sie dich absichtlich verletzt hat. Es geht vielmehr darum, dass die Beziehung zu deiner Mutter, die erste weibliche Beziehung, die du hattest, geprägt hat, wie du Weiblichkeit siehst, wie du andere Frauen siehst und wie du dich selbst auch als Frau siehst. Mütter sind unsere erste weibliche Beziehung, von denen wir lernen, wie Frauen sind, wie sich Frauen verhalten, wie wir uns selbst als Frau fühlen und wie Frauen in Beziehungen sind.
Frauen, die eine Mutterwunde haben, haben oft ähnliche Erfahrungen gemacht:
- Vielleicht war deine Mutter physisch da, aber emotional nicht verfügbar, und daraus hast du möglicherweise gelernt, dass du dich emotional nicht auf Frauen verlassen kannst.
- Vielleicht hat deine Mutter dich viel kritisiert, dein Aussehen, dein Gewicht, deine Kleidung, dein Verhalten, und dich verglichen mit deiner Schwester, mit deinem Bruder, mit anderen Mädchen.
- Vielleicht gab es eine unterschwellige Konkurrenz zwischen dir und deiner Mutter um Aufmerksamkeit, um Aussehen, um Wert, und daraus hast du gelernt, dass Frauen in Konkurrenz stehen, dass andere Frauen eine Bedrohung sind.
- Oder vielleicht hat dir deine Mutter beigebracht, dass du dich als Frau anpassen musst, dass du lieb und nett und brav sein musst, dass du keine eigene Meinung haben solltest.
Deine Mutter hat dir das weitergegeben, was sie selbst gelernt hat, was ihre Mutter ihr beigebracht hat, was die Gesellschaft ihr beigebracht hat. Vielleicht wusste sie auch einfach nicht, dass ihre Kinder sich alles abschauen. Nicht nur das, was sie sagt und was sie lehrt und wie sie erzieht, sondern auch wie sie sich selber behandelt. Und das alles zusammen formt die Mutterwunde.
Wie die Mutterwunde unsere Beziehungen beeinflusst
Was hier passiert, ist oft eine Projektion. Du nimmst also die Erfahrungen, die du mit deiner Mutter gemacht hast, und überträgst sie unbewusst auf andere Frauen. Möglicherweise interpretierst du einen gut gemeinten Tipp als Kritik und fühlst dich bewertet, obwohl da keine Bewertung gemeint war. Möglicherweise vertraust du auch keiner anderen Frau deine Gefühle, Gedanken und ehrlichen Emotionen an, weil du dich schützen möchtest vor möglicher Verletzung.
Ich habe das auch lange gedacht, dass ich einfach anders bin und nicht so schwach oder kindisch, instabil wie andere Frauen. Ich habe mich immer als die super starke und unabhängige Frau gesehen, die halt einfach mit den Männern mithalten kann. Was du möglicherweise damit eigentlich ablehnst, sind die Teile deiner Mutter, die du in dir nicht sehen möchtest. Das bedeutet aber nicht, dass du wirklich besser mit Männern kannst. Das bedeutet möglicherweise, dass sich deine Mutterwunde auf weibliche Beziehungen überträgt.
Wenn du keine weiblichen Freundschaften hast, wird dein Partner möglicherweise dein Alles, also der einzige Mensch, mit dem du alles teilst, und das kann sehr viel Druck auf die Beziehung auslösen. Er muss dein bester Freund sein, dein romantischer Partner, er muss Abenteuer mit dir erleben können, tiefgründige Gespräche führen können, Spaß mit dir ausleben können. Also er muss so viele Rollen erfüllen, die du eigentlich mit vielen Menschen erleben kannst. Studien aus der Beziehungspsychologie zeigen, dass Frauen ohne weibliche Freundschaften dazu neigen, co-abhängiger zu sein, weil sie ihren Partner zur einzigen Quelle machen.
Wie du die Mutterwunde heilen kannst
Ich glaube, dass wir nicht wirklich besser mit Männern können, sondern dass wir möglicherweise einfach nur gelernt haben, dass Frauen nicht sicher sind. Aber das ist nicht die Wahrheit über Frauen, das ist möglicherweise die Wahrheit über unsere Mutterwunde. Aus der Traumaforschung und aus der Bindungstheorie wissen wir, die Mutterwunde heilt durch korrigierende emotionale Erfahrungen. Verletzungen entstehen in Beziehungen, aber werden auch in Beziehungen geheilt.
- Verstehe, woher das kommt. Es kann sein, dass du eine Wunde hast in Bezug auf weibliche Beziehungen, möglicherweise projizierst du die Erfahrungen mit deiner Mutter auf andere Frauen, und allein das zu verstehen ist schon der erste große Schritt.
- Du kannst das mit jemandem besprechen, mal zu durchleuchten, mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten, mit einem Coach oder jemandem, der dich einfach dabei begleitet, diese Muster zu erkennen und zu verstehen.
- Öffne dich für weibliche Verbindungen. Erlaube dir also auch, dass Frauen anders sein können als deine Mutter, dass weibliche Beziehungen auch sicher sein können.
- Du darfst Weiblichkeit für dich neu definieren. Was bedeutet es, Frau zu sein für dich, losgelöst von dem, was deine Mutter dir beigebracht hat?
Bei mir war es zum Beispiel so, dass ich ganz lange daran festgehalten habe und mir immer wieder gesagt habe, ich kann ja besser mit Männern, Frauen sind mir zu anstrengend, aber ich habe gar nicht gemerkt, dass ich ganz viele tolle weibliche Freundinnen in mein Leben gezogen habe. Je mehr ich mich mit mir beschäftigt habe, je mehr ich an mir gearbeitet habe, desto mehr habe ich unbewusst Frauen in mein Leben gelassen und richtig tiefe, schöne Freundschaften zu Frauen eingehen und pflegen und halten können. Wenn wir uns öffnen für weibliche Verbindungen, dann merken wir vielleicht, dass Frauen nicht per se das Problem sind, sondern die Mutterwunde war das Problem.