Emotionale Gewalt in der Kindheit: Was passiert, wenn Eltern ihre Kinder ignorieren
Ich habe auf meinem Account Soulful Moms ein Reel gepostet und in dem Reel ging es darum, zehn alternative Sätze zu formulieren, wenn dein Kind einen Wutausbruch hat, anstatt eben zu sagen, jetzt hör doch auf zu heulen. Dann kam dieser eine Kommentar von einer Mutter, der mich richtig traurig gemacht hat. Ich möchte das aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und darauf eingehen, warum das schlichtweg falsch ist, als Eltern so zu reagieren, wie es hätte besser laufen sollen, aber vor allem auch, was das mit so einem Kind im Erwachsenenalter macht. Weil ich weiß, dass unter euch auch Menschen sind, die genau das erlebt haben und jetzt eben mit den Folgen dealen müssen.
Also, ich lese vor. Ich würde einfach meine Noise-Canceling-Kopfhörer aufsetzen und das Gejammer ignorieren. Die lernen schnell, dass ich auf Gejammer nicht reagiere, also kriegen sie nicht, was sie wollen oder brauchen, wenn sie so drauf sind. Das nennt sich Grenzen haben, streng sein und nicht zulassen, dass ein Kind durch Gejammer oder Wutanfälle den Haushalt regiert. Die kriegen einen sicheren Raum für ihre kleinen Wutanfälle, aber ich reagiere erst, wenn sie sich ausgepowert haben, dann schimpfe ich mit ihnen, weil sie unartig waren und bestrafe sie danach. Bevor du jetzt denkst, hey, naja, immerhin wurde das Kind nicht geschlagen, das ist eine Form emotionaler Gewalt. Ein Kind in seinen überwältigsten Momenten alleine zu lassen, es zu ignorieren und es dann noch zu bestrafen, das hinterlässt scheiße tiefe Wunden, die mindestens genauso tief gehen wie körperliche Gewalt. In der Traumatologie nennen wir das sequentielles Trauma. Das ist keine Lappalie, das ist Trauma, was daraus entsteht.
Was im Nervensystem eines Kindes passiert
Wenn ein Kind einen Wutanfall hat, dann ist das Nervensystem wahnsinnig überwältigt. Der präfrontale Kortex, also der Teil im Gehirn, der Emotionen reguliert, entwickelt sich erst über die gesamte Kindheit und Jugend und ist erst mit Mitte 20 vollständig ausgereift. Das bedeutet, ein kleines Kind hat noch gar nicht die neurologischen Werkzeuge, um seine Emotionen selbst zu regulieren. Es kann das physisch gesehen nicht. Also brauchen Kinder einen ruhigen Erwachsenen, der ihnen hilft, wieder runterzukommen. Das nennen wir Co-Regulation.
Aber wenn ein Elternteil Kopfhörer aufsetzt und das Kind ignoriert, dann lernt das Kind in dem Moment nicht, dass es runterkommen soll, sondern dass es alleine gelassen wird in dem Moment, wo es am allermeisten die Präsenz und die Unterstützung der Eltern braucht. Dieses Kind lernt auch, dass selbst die wichtigsten Menschen in dem Leben dieses kleinen Kindes nicht sicher sind. Wenn sich das Kind dann ausgepowert hat, kommt die Mutter und bestraft es noch. Das fügt nochmal eine große Portion Scham hinzu, zu einem kleinen Körper, der eh schon am Limit war. Scham drückt aus, ich bin falsch, ich bin unwürdig, ich verdiene es nicht zu existieren. Ein Kind hinterfragt niemals die Eltern, ein Kind sucht den Fehler immer bei sich. Also lernt dieses Kind, dass die eigenen Gefühle und die eigenen Bedürfnisse falsch sind und dass es eben funktionieren muss, damit es geliebt wird.
Was emotionale Vernachlässigung im Erwachsenenalter auslöst
Kinder, die so aufgewachsen sind, sind dann die Erwachsenen, die ihre Gefühle runterschlucken, die ihre Bedürfnisse weit hinter die der anderen stellen, die nicht in der Lage sind, sich mitzuteilen und ihre Gefühle zu benennen. Aus solchen Situationen entstehen People Pleaser. Das sind auch Menschen, die keine Verletzlichkeit zeigen. Das sind Menschen, die zu allem zustimmen, weil sie bloß keinen Umstand bereiten wollen. Und das sind auch Menschen, die keine Hilfe annehmen können, weil sie alles alleine schaffen müssen.
Mit so einem Selbstbild, das durch solch ein Verhalten von Eltern entstanden ist, ist keine gesunde Beziehung möglich. Diese Erwachsenen sind nur damit beschäftigt, in all ihren Beziehungen es dem anderen recht zu machen, um die eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen. Je mehr wir unsere eigenen Bedürfnisse nach hinten stellen, desto mehr entfernen wir uns von uns selbst. Und wenn wir uns von uns selbst entfernen, dann funktionieren wir ja auch nur noch. Das sind auch die Menschen, die zum Beispiel aus dem Nichts einen Wutanfall bekommen, weil sie nie als Kind gelernt haben, dass die Wut in Ordnung ist.
Was du tun kannst, wenn du so aufgewachsen bist
Verstehen ist schon mal ein erster wichtiger Schritt, dass an sich nichts falsch mit dir ist, sondern dass du etwas gelernt hast aus einer Schutzfunktion heraus. Heute bist du erwachsen und heute kannst du dir selbst geben, was du damals gebraucht hättest. Das ist in erster Linie Selbstachtung, Selbstliebe, Selbstwert. Wenn du dich selber so liebst, wie du bist, wenn du an deinem Selbstwert arbeitest, dann lernst du auch Menschen in dein Leben ziehen, die dich genauso sehen, wie du dich selber siehst.
Auch wenn du als Kind nie co-reguliert worden bist, kannst du auch nachträglich lernen, dich selber zu regulieren. Heute bist du handlungsfähig und heute kannst du das lernen. Dass wenn du diese überwältigenden, großen Gefühle hast, die in dir hochsteigen, einen Raum zwischen Reiz und Reaktion zu schaffen, der dir ermöglicht, eine Wahl zu treffen. Und die dritte Sache, die du tun kannst, ist neue Erfahrungen zu machen. Dass du zum Beispiel mal testest, wie es ist, deine Bedürfnisse auszusprechen bei jemandem, mit dem du eine sichere Verbindung hast. Sei geduldig mit dir. Was wir über Jahre gelernt haben, das können wir nicht einfach so über Nacht entlernen. Aber jeder kleine Schritt, den du dafür tust, bietet eine neue Erfahrung, die deinem Nervensystem einen neuen Weg zeigen kann.