Ich weiß, wie es besser geht, und mache es trotzdem nicht
Ich möchte heute darüber sprechen, warum dein Körper anders reagiert als dein Kopf, warum du neue Erfahrungen brauchst, statt noch mehr Wissen in deine Birne reinzukriegen, und welche unfassbar essentielle Rolle Ressourcen dabei spielen. Viele von uns denken, wenn ich verstehe, warum ich so bin, dann kann ich es ja auch verändern. Klingt ja auch logisch, oder? Ich weiß ja, dass mein People-Pleasing aus meiner Kindheit kommt. Ich weiß ja, dass ich Grenzen setzen darf. Aber ich kann es ja trotzdem nicht tun. Und so funktioniert es halt auch nicht. Weil Veränderung passiert nicht im Kopf. Veränderung passiert im Körper.
Warum dein Körper stärker ist als dein Kopf
Wenn du als Kind gelernt hast, dass deine Meinung nicht zählt, dass du zustimmen musst, um dazuzugehören, um nicht bestraft zu werden, damit du geliebt und anerkannt wirst, dann hat dein Körper das abgespeichert. Und zwar als Überlebensstrategie. Ein Kind kann ja nicht ohne seine Eltern überleben, kann nicht alleine für sich sorgen. Diese Überlebensstrategie speichert sich in deinem Körper ab. Das ist eine körperliche Reaktion, ein Muster, das in deinem Körper, in deinem Nervensystem verankert ist.
Wenn du jetzt in einer Situation bist, in der du eigentlich eine Grenze setzen solltest, aber dann doch klein beigibst, dann hat dein Nervensystem das gemacht, bevor dein Verstand das überhaupt erst greifen kann. Der Körper reagiert also automatisch. Dein Körper darf erst mal lernen, dass es sicher ist, Grenzen zu setzen. Dein Nervensystem muss erst mal eine neue Erfahrung machen. Durch kleine, konkrete Momente, in denen dein Körper lernt: Ich kann hier ablehnen, ich kann hier meine Grenze setzen, und ich bleibe trotzdem in Verbindung.
Für mich einzustehen und meine Grenze zu setzen bedeutet, ich bleibe bei mir und ich bin fein mit diesem Menschen. Das ändert nichts an unserer Verbindung. Und genau deswegen passiert es auch so häufig, dass wenn wir Grenzen setzen und solch eine Kindheit erlebt haben, es sich verdammt nochmal falsch anfühlt, eine Grenze zu setzen. Weil dein Körper ja nur kennt, dann abgelehnt zu werden, in Diskussionen zu verfallen, bestraft zu werden, verlassen zu werden. Und dein Körper möchte natürlich nicht, dass du das wieder erlebst. Also wird er alles tun, um dich davor zu schützen.
Ressourcen sind keine Option, sie sind essentiell
Es gibt eine Sache, die hier essentiell ist, und das sind Ressourcen. Ressourcen sind kleine Tankstellen, an denen wir über den Tag verteilt tanken können. Meine Ressourcen sind zum Beispiel, ein Buch zu lesen, auf dem Balkon in der Sonne zu liegen, einen leckeren Kaffee zu trinken, spazieren zu gehen, Sport zu machen, Musik zu hören.
Stell dir vor, wenn du auf Reserve läufst, dann bist du dünnhäutig, und dann kann dich der kleinste Trigger schon auf 180 bringen. Wenn du aufgetankt bist, wenn du dich um deine Ressourcen gekümmert hast, dann kann der gleiche Trigger dich nicht mehr so schnell aus der Bahn werfen. Wenn dein Tank leer ist, dann hast du auch keine Kapazität für Veränderungen. Dann reagierst du automatisch, dann greift dein Nervensystem auf alte Muster zurück, die bekannt sind, die sicher sind, und die dafür sorgen, dass du genau da bleibst, wo du gerade bist.
Veränderung kostet Energie. Neue Erfahrungen zu machen kostet Energie. Dich aktiv für einen anderen Weg zu entscheiden kostet Energie. Und wenn du diese Energie nicht hast, dann kannst du das auch alles nicht leisten. So einfach ist es.
Was du jetzt konkret tun kannst
- Akzeptiere, dass Wissen nicht ausreicht, und hör bitte auf, dich dafür zu verurteilen, dass du es besser weißt, es aber trotzdem nicht umsetzt. Wenn du dich nämlich darauf konzentrierst, was du falsch machst, dann verstärkst du nur noch das, was du falsch machst.
- Kümmere dich um deine Ressourcen. Das ist keine optionale Empfehlung, das ist essentiell. Finde heraus, was dich auftankt, was dir Energie gibt, was dir gut tut, und dann mach es, nicht dann, wenn du mal Zeit hast, sondern nimm dir die Zeit als Priorität.
- Fang klein an. So klein, dass es sich schon fast lächerlich anfühlt. Fang mit dem kleinen Schritt an und gewöhne deinen Körper langsam an die Veränderung.
- Bring die Erfahrung in den Körper. Fühl mal, wie es sich für dich anfühlt, wenn du dir nur mal vorstellst, eine Grenze laut auszusprechen, und dann sprich sie mal für dich laut aus. Das sind körperliche Übungen, die deinem Nervensystem helfen, sich an diese Eventualitäten zu gewöhnen.
- Sei geduldig mit dir und feiere auch kleine Erfolge. Nimm mal wahr, was sich schon verändert hat, wie sehr du schon für dich einstehst.
- Hol dir Unterstützung. Du musst das nicht alleine machen. Was du über Jahre gelernt hast, das kann sehr tief sitzen, und je mehr Unterstützung du dir holst, desto leichter wird der Prozess.
Du bist ein Mensch mit einem Körper, der dich schützen will, mit einem Nervensystem, das auf alte Erfahrungen reagiert, mit Mustern, die tief verankert sind. Veränderung passiert nicht durch noch mehr Wissen, sondern durch neue Erfahrungen, durch kleine Schritte und ganz viel Geduld mit dir selbst. Aber vor allem durch Ressourcen, weil ohne Energie kannst du nicht wachsen, ohne aufgetankt sein kannst du nicht fahren, und ohne dich um dich zu kümmern kannst du dich nicht verändern.