Warum fehlende Kindheitserinnerungen kein Hindernis für Heilung sind
Ich kann mich einfach nicht an meine Kindheit erinnern. Dieses Thema begegnet mir immer wieder in meiner Klientenarbeit. Mir wird immer wieder die Frage gestellt: Warum kann ich mich denn nicht an meine Kindheit erinnern? Hat das was mit einem Trauma zu tun? Und vor allen Dingen: Kann ich trotzdem an mir arbeiten, auch wenn ich keinen Bezug zu meiner Kindheit herstellen kann? Vielleicht kennst du dasselbe von dir auch, dass du Muster an dir erkennst heute, die einfach nicht mehr stimmig sind, die dich irgendwie blockieren, die deine Beziehung vielleicht sogar im Negativen beeinflussen. In dieser Folge möchte ich darum sprechen, warum fehlende Erinnerungen kein Hindernis sind, um an den Mustern und an der Vergangenheit zu arbeiten, und die Erinnerung an die Kindheit dafür nicht unbedingt eine Voraussetzung ist.
Die Arbeit mit der Vergangenheit, vor allen Dingen aus den frühkindlichen Erfahrungen, ist keine Rückschau, um nochmal durch die unangenehmen Gefühle oder Erfahrungen hindurchzugehen. Wir nutzen die Erinnerungen, um Zusammenhänge zu verstehen. Deine Kindheit dient dir, deine Gegenwart zu verstehen und dann in der Zukunft eine andere Wahl zu treffen. Die ersten Jahre bis zwölf sind grundlegend prägend. Dein Gehirn verändert sich, dein Nervensystem wird geprägt, du wächst körperlich, emotional, psychisch in einer Geschwindigkeit, wie du es nie wieder in deinem Leben erleben wirst. Dort werden die Grundsteine gelegt für alles, was danach kommt.
Warum Kindheitserinnerungen fehlen: neurologische und traumabezogene Gründe
Es gibt verschiedene Gründe, warum manche Menschen sich nicht an die Kindheit erinnern können. Es gibt etwas, das in der Psychologie infantile Amnesie oder Kindheitsamnesie genannt wird. Das bedeutet, keine Erinnerungen an die ersten zwei bis drei Lebensjahre sind völlig normal. Der Grund dafür liegt in der Entwicklung des Gehirns. Der Hypokampus, eine Gehirnregion, die für das Abspeichern von Erinnerungen zuständig ist, ist in den ersten Lebensjahren einfach noch nicht entwickelt. Kinder speichern Erlebnisse nicht in Worten, sondern in Bildern und Gefühlen und in Körperempfindungen ab. Wenn du dich wenig oder an gar nichts erinnerst bis weit in dein Schulalter hinein, dann hat das möglicherweise andere Gründe. Dann geht es vielleicht nicht mehr um normale Kindheitsamnesie, sondern vielleicht um traumarelevante Gründe.
- Der erste Grund kann eine Dissoziation und das Vergessen als Schutzmechanismus sein. Das Gehirn blendet bestimmte Bereiche aus, um nicht mehr in Berührung mit dem Schmerz oder der Verletzung zu kommen. Es ist also nicht nur eine Verdrängung, sondern es ist auch ein tatsächliches Vergessen für diesen Moment.
- Ein weiterer Grund kann die emotionale Vernachlässigung sein. Unser Gehirn speichert Erlebnisse, die emotional relevant sind, die hervorgehoben werden, die bedeutsam gemacht werden. Wenn deine Eltern nicht mit dir über deine Erlebnisse gesprochen haben, wenn Gefühle nicht benannt worden sind, wenn es keine emotionale Resonanz gab, dann gab es auch nichts, das das Gehirn als wichtig erkannt hat. Das ist Bindungstrauma, Entwicklungstrauma, etwas, das durch Abwesenheit entstanden ist, durch das Fehlen von etwas, das eigentlich da hätte sein sollen.
- Es gibt noch einen weiteren Grund und das ist die dissoziative Amnesie bei schwerer Traumatisierung. Bei dieser Form von Trauma bleiben oft nur Gefühle zurück, aber keine Details. Traumatische Erinnerungen werden anders gespeichert als normale Erinnerungen. Menschen, die das erlebt haben, haben manchmal körperliche Reaktionen auf bestimmte Trigger, ohne diese Reaktionen zuordnen zu können. Der Körper erinnert sich also, auch wenn der Verstand keinen Zugriff auf diese Erinnerung hat.
Explizites und implizites Gedächtnis: wo die eigentliche Arbeit beginnt
Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen und zu dem Teil kommen, der für unsere Arbeit in der Trauma-Arbeit am wichtigsten ist. Es geht um den Unterschied zwischen einem expliziten und einem impliziten Gedächtnis. Das explizite Gedächtnis sind die äußeren Faktoren, die Dinge, an die du dich vielleicht erinnerst. Worauf wir uns in der Trauma-Arbeit ganz besonders konzentrieren, ist das implizite Gedächtnis. Und das implizite Gedächtnis ist das, was die äußeren Situationen in dir ausgelöst haben. Welche Strategien musstest du entwickeln? Was hast du verinnerlicht über dich selbst oder über andere oder grundsätzlich über Beziehungen? Das implizite Gedächtnis zeigt sich heute in deinen Beziehungsmustern, in der Art und Weise, wie du dich im Kontakt organisierst, wie du über bestimmte Dinge denkst, welche Themen immer wieder in deinem Leben auftauchen.
Wir schauen aus erwachsener Perspektive auf diese Situation zurück. Wir erforschen mit unserem Erwachsenenverstand, welches Muster du entwickelt hast, als Antwort auf das, was dir im Außen entgegengekommen ist. Und das kann echt ein Game Changer sein, denn das ist der Bereich, in dem die größten Erkenntnisse liegen.
Wie Heilung ohne Erinnerungen möglich ist
Ich hatte am Anfang ja schon gesagt, dass Erinnerungen nicht unbedingt nötig sind, um sich auf seine Heilungsreise zu begeben oder um traumatherapeutisch zu arbeiten. Selbst wenn du dich erinnern könntest, wäre nichts anders. Dadurch verschwinden deine Symptome nicht. Wir können mit deinen heutigen Symptomen arbeiten. Anhand der Art und Weise, wie du dich heute im Leben organisierst, können wir ganz viele Rückschlüsse ziehen auf das, was du vielleicht erlebt hast.
- Wie gehst du mit Nähe um?
- Wie gehst du mit Konflikten um?
- Wie fühlst du dich, wenn dich jemand kritisiert?
- Wie reagierst du, wenn jemand Distanz braucht?
- Wie gehst du mit Ablehnung um?
All das sind Hinweise, Symptome, Muster und genau damit arbeiten wir. Wenn du dich heute als erwachsene Person liebevoll an dich selbst wendest und mitbekommst, ich musste diese Strategien entwickeln, ich musste diese Verhaltensweisen entwickeln, als Antwort auf ein äußeres Geschehen, weil mir nichts anderes übrig geblieben ist, ist es alleine schon zutiefst heilsam. Zusammenfassend kann ich also sagen, dass es nicht unbedingt wichtig ist, ob du dich an etwas erinnern kannst oder nicht. Du kannst trotzdem an dir arbeiten und du kannst trotzdem heilen. Da, wo unsere Aufmerksamkeit hinfließt, können wir Dinge sehen, verstehen und sie dann ändern.