Warum wir uns wünschen, dass andere sich ändern
Ich glaube, wir kennen das alle. Wir regen uns darüber auf, dass andere so sind, wie sie sind, und wünschen uns am liebsten, dass sie sich verändern. Warum kann mein Partner sich endlich nicht so verhalten, wie ich mir das wünsche? Warum mischen sich meine Eltern ständig in mein Leben ein? Warum versteht meine Freundin einfach nicht, dass mich das triggert, wenn sie sich so verhält? Ich bin mir ziemlich sicher, dass du mindestens einmal diese Situation in deinem Leben hattest, in der du dir gewünscht hast, dass diese Person sich doch einfach bitte nur ändern soll, weil du damit nicht klarkommst. Wir haben alle schon mal diesen Satz gehört: Du kannst andere nicht ändern, nur dich selbst und deine innere Einstellung. Ja, stimmt. Aber was genau macht man denn jetzt in so einem Moment? Was bedeutet das konkret, wenn man gerade mitten in einer Situation steckt, in der man sich einfach nur wünscht, dass jemand endlich anders ist? Ich möchte dir ein paar Perspektiven mitgeben, die deine Sicht auf solche Momente verändern können.
Innere versus äußere Kontrollüberzeugung
Die Psychologie hat dafür einen Begriff, und der nennt sich die innere versus die äußere Kontrollüberzeugung. Vereinfacht gesagt geht es darum, wo du glaubst, dass die Kontrolle über dein Leben sitzt. Menschen mit einer äußeren Kontrollüberzeugung erleben, dass das, was ihnen passiert, hauptsächlich von außen bestimmt wird, durch andere Menschen, durch Umstände, durch das Schicksal. Menschen mit einer inneren Kontrollüberzeugung erleben sich selbst als die entscheidende Variable in ihrem Leben, nicht weil sie alles kontrollieren können, sondern weil sie immer eine Wahl haben, wie sie mit dem umgehen, was passiert.
Die Forschung zeigt, dass unsere Kontrollüberzeugung stark durch frühe Erziehungserfahrungen geprägt wird. Kinder, die Autonomie erleben durften, die selbst Entscheidungen treffen und die Verbindung zwischen ihren Handlungen und den daraus folgenden Konsequenzen entdecken konnten, entwickeln eher das Gefühl, dass sie selbst etwas bewirken. Kinder, die in einem sehr kontrollierten oder unvorhersehbaren Umfeld aufgewachsen sind, lernen dahingegen früh, die Aufmerksamkeit nach außen zu richten. Das war damals die sinnvollste Strategie. Als Erwachsene tragen viele von uns diese Strategien aber weiter, ohne es zu bemerken. Die äußere Kontrollüberzeugung ist eine gelernte Überzeugung, und gelernte Überzeugungen lassen sich entlernen oder verändern.
Der Psychiater Viktor Frankl hat in Konzentrationslagern beobachtet, was Menschen am Leben hält und was sie aufgeben lässt. Er beschreibt, dass Menschen in den extremsten Umständen eine Freiheit besitzen, eine Freiheit bleibt. Und das ist die Wahl der eigenen Haltung. Sein Satz lautet: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. Und in diesem Raum liegt unsere Freiheit. Das bedeutet konkret: Du kannst nicht kontrollieren, ob sich deine Mutter in dein Leben einmischt, aber du kannst entscheiden, was du mit dieser Situation machst, welche Bedeutung du ihr gibst, wie du reagierst.
Radikale Akzeptanz und der Perspektivwechsel
Es gibt noch eine weitere Perspektive, die ich einbringen möchte, und das ist die radikale Akzeptanz. Das bedeutet, dass wir die Situation, in der wir uns befinden, vollständig annehmen, ohne gegen diese Situation zu kämpfen. Das bedeutet nicht, dass du alles gut finden musst. Das bedeutet einfach nur, dass du aufhörst, Energie dafür zu verbrauchen, eine Realität zu bekämpfen, die sich nicht verändern lässt. Stell dir vor, du stehst im Regen und du bist wütend auf den Regen. Du kannst wütend sein, du kannst dir wünschen, dass der Regen aufhört, aber du wirst trotzdem nass. Radikale Akzeptanz heißt in dem Moment: Es regnet. Was brauche ich jetzt? Der Fokus verschiebt sich von dem, was du nicht kontrollieren kannst, zu dem, was in deiner Macht liegt.
Und genau in diesem Raum kommt der Perspektivwechsel dazu. Der Perspektivwechsel bedeutet: von „Warum ist diese Person so?" zu „Was brauche ich, um trotzdem weiterzugehen?" Wir denken, wenn wir nur verstehen würden, warum dieser Mensch sich so verhält, dann könnten wir ihm erklären, wie es besser gehen würde. Aber wir können eine Person nicht zu 100 Prozent verstehen und erst recht nicht verändern. Die eigentliche Frage ist also nicht, warum handelt dieser Mensch so. Die eigentliche Frage ist: Was brauche ich eigentlich gerade, unabhängig davon, wie sich dieser Mensch verhält? Was ist mein nächster Schritt, wenn sich nichts an dieser Situation ändert? Was wäre möglich, wenn ich aufhöre, auf die Veränderung der anderen Person zu warten?
Grenzen setzen und Konsequenzen durchsetzen
Solange du keine Grenze setzt, weiß deine Mutter nicht, wie weit sie gehen kann. Der Wunsch, dass sie sich ändert, ohne ihr zu zeigen, was sich ändern soll, führt ins Leere. Menschen lernen, wie weit sie gehen können, durch das, was wir zulassen. Und wenn du anfängst, klare Grenzen zu setzen, gibst du nicht nur dir selbst diese Orientierung, sondern auch den Menschen, von denen du diese Grenze erwartest.
Es reicht nicht nur, die Grenze zu formulieren. Du musst auch die Konsequenz durchsetzen. Denn reden kann jeder, wenn der Tag lang ist. Wichtig ist, die Konsequenz mitzuteilen und sie dann auch umzusetzen, sofern die Grenze nicht eingehalten wurde. Hinter dieser Schwierigkeit, Grenzen zu setzen, steckt fast immer eine Prägung. Angst vor Ablehnung, Angst, jemanden zu verletzen, die Überzeugung, die eigenen Bedürfnisse als weniger wichtig anzusehen. Das sind Prägungen, die wir alle mit uns tragen. Aber das heißt nicht, dass es unmöglich ist.
Wir suchen oft die Lösung dort, wo wir keinen Zugriff haben, bei anderen Menschen, bei äußeren Umständen. Du kreierst dir das Umfeld, in dem du lebst, durch das, was du zulässt, durch das, wie du reagierst, dadurch, wie du Grenzen setzt und auch einhältst. Und das Schöne dabei ist: Wenn es in deiner Hand liegt, dann bedeutet das, dass du es auch verändern kannst. Auf wen oder was wartest du gerade, dass sich etwas verändert, damit du endlich das machen kannst, was du dir eigentlich schon lange vorgenommen hast?